HEIMATVERLIEBT – WIR FEIERN HEIDELBERG

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Für mich ist Heimat definitiv ein Ort. Oder anders herum, mein Geburtsort ist für mich die absolute Verkörperung von Heimat. Heimat ist Heidelberg, die kleine Großstadt in der ich geboren und aufgewachsen bin. Meine Homebase, für immer. Die Stadt in der wir um vier Uhr Nachts ohne schlechtes Gefühl mit dem Fahrrad nach Hause gefahren sind, in der man beim Shopping auf der längsten Einkaufsstraße Europas garantiert mindestens einen Bekannten trifft. In der gefühlt jeder alles über jeden weiß und die „Ur-Heidelberger“ sich alle untereinander kennen.
Das ist nicht immer nur von Vorteil, aber es gehört zum Charakter dieser Stadt, die trotzdem so unglaublich bunt, kreativ, alternativ und weltoffen ist.  Anlass für diese Ode an meine Heimat gaben zwei Dinge: Das Projekt „Heimatverliebt“von Jule von Wonderblue und der neue Krimi „Schlaf, Engelchen Schlaf“ von Wolfgang Burger. Das Oktoberthema von „Heimatverliebt“ interpretiere ich jetzt zugegeben sehr frei, denn auch wenn in Heidelberg genug Feste gefeiert werden, so möchte ich in diesem Blogpost eine Buchreihe feiern: Die Heidelberg-Krimis. Wolfgang Burger feiert in seinen Büchern Heidelberg und seine Menschen. Die „echten“ Heidelberger wie die Zugereisten, die Professoren und Studenten ebenso wie die Kurpfälzer Originale. Er lässt sich ein auf den Geist und den Charakter dieser Stadt. Er trifft Heidelberg auf den Punkt wie es eigentlich nur ein Einheimischer kann – oder vielleicht einfach jemand der diese Stadt schätzt und liebt.

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Krimis aus einer Stadt in der man sich alles vorstellen kann, nur keine grausamen Verbrechen? Das geht, sehr gut sogar! Auch sein Alexander Gerlach liebt diese Stadt in der er Chef der Kriminalpolizei ist und nach einem schweren Schicksalsschlag Zuflucht und Zuhause findet. Seine Fälle sind mal größer, mal kleiner, mal dramatisch und grausam und manchmal leise, traurig und privat. Aber sie passen immer nach Heidelberg.  Jedes Buch transportiert perfekt diese ganz besondere Stimmung mit der Heidelberg so viele schon verzaubert hat. Während des Lesens musste ich bei jedem Buch mehrfach leise lachen und dachte mir „Ja, DAS ist Heidelberg!“
Gemeinsam mit dem neuen Kripo-Chef erlebt man, gerade in den ersten Büchern diese Stadt, lernt sie kennen mit all ihren Besonderheiten und kleinen Ticks. Burger und Gerlach sind beide keine gebürtigen Heidelberger und behalten sich daher ihren unvoreingenommen Blick und die leise Prise Humor in der Betrachtung der Stadt und ihrer Menschen – warum das Schwimmbad hier so lange geöffnet hat und dass man dort nicht unbedingt nass wird ist nur eine der Entdeckungen die Gerlach und seine Familie machen müssen. (An dieser Stelle ein trauriges Adé an den Schwimmbad Musik Club, wo glaube ich so ziemlich jedes Heidelberger Kind der 80er und 90er seine ersten Disco-Besuche erlebt hat – Cola-Rot und „Westerland“ um Mitternacht, hach!)

Heidelberg Eichendorff

Das Buch

Noch viel mehr als alle seine Vorgänger zeigt „Schlaf, Engelchen schlaf“ den Menschen Alexander. Krankgeschrieben, traumatisiert von einem vergangenen Fall wird er um Hilfe gebeten. Widerwillig nimmt er einen Fall an der eigentlich gar keiner ist: ein Professor wird per Email bedroht von einem Stalker der im ersten Moment eher verrückt als bedrohlich wirkt. Bei diesen Ermittlungen ist Alexander tatsächlich auf sich alleine gestellt. Kein Team, kein Polizeichef den er auf seiner Seite weiß und keine der Ressourcen die ihm sonst zur Verfügung stehen. Beim Versuch den Stalker zu stellen stößt Gerlach auf ein Familiengeheimnis, eine Nachbarschaftstragödie und klärt wie nebenbei auch noch ein ganz anderes Geheimnis auf – all das während auch sein eigenes Privatleben urplötzlich Kopf steht. Und er stößt an seine Grenzen. Seine Emotionalität ist nicht immer nur von Vorteil und lässt ihn mehr als einmal die Grenzen der Legalität überschreiten. Ein verschwundenes Mädchen und eine nicht aufzufindende Ehefrau lassen den Professor plötzlich in einem ganz anderen Licht dastehen und Alexander Gerlach muss den nüchternen, rationalen Polizeibeamten weit hinter sich lassen um herauszufinden was all diese Geschehnisse verbindet.

Wolfgang Burger Schlaf Engelchen schlaf

Für mich sind Wolfgang Burgers Bücher vor allem eines: für ein paar Stunden zurück nach Hause kommen. Ein Spaziergang durch Heidelberg und ein Kaffee mit Alexander Gerlach, der inzwischen fast schon so etwas wie ein Freund ist.  Auch in „Schlaf, Engelchen Schlaf“ ist Wolfgang Burger ein Meister der leisen Töne, der kleinen Tragödien und Geheimnisse die dann Lawinen ins Rollen bringen. Sein Alexander Gerlach ist kein knallharter Cop, kein vernunftgesteuerter Superermittler, kein perfekter Held. Er ist in erster Linie ein Mensch. Seine Familie ist nicht perfekt, nutze er Facebook wäre sein Beziehungsstatus wohl „es ist kompliziert“ und seine Töchter tanzen ihm oft genug auf der Nase herum.
Dementsprechend lebt „Schlaf, Engelchen schlaf“  weder vom großen Knall noch vom grafischen Horror. Alexander Gerlach folgt bei seinen Ermittlungen vor allem seinem Bauchgefühl und seiner Vorstellungskraft. Der Grusel passiert im Kopf – was könnte passiert sein, welche schreckliche Tat vertuscht der merkwürdige Wissenschaftler und seine eisern schweigende Nachbarschaft? Was stellt dieses Schweigen mit der verbleibenden Familie an, die seit Jahrzehnten traumatische Geheimnisse mit sich herumträgt? Und was passiert wenn alles an die Oberfläche kommt?

Ich liebe diese Geschichten, bei denen der Grusel von Innen kommt. Die ich mir in meiner Nachbarschaft vorstellen kann, die ganz nah dran sind an meinem eigenen Alltag. Obwohl Wolfgang Burger durchaus auch über die „großen“ Themen wie Terrorismus („Die falsche Frau„) und Mafia („Der fünfte Mörder„) hervorragend schreibt so ist er für mich doch in Büchern wie diesem (und auch im „Vergessenen Mädchen„) besonderes gut. Wenn sich sein Gerlach noch mehr als sonst als absoluter Gefühlsmensch zeigt und in Fällen ermittelt die eigentlich wohl unter den Tisch fallen würden, dann sind die Heidelberg-Krimis besonders gut.

Und obwohl man definitiv auch jedes Buch einzeln und unabhängig von den Vorgängern lesen kann, besteht doch der besondere Zauber darin, dass man Gerlachs Familie mit jedem Buch lieber gewinnt. Er wird zu einem lieben Freund, dessen Privatleben bald fast genau so spannend ist wie seine Fälle. Seine Zwillinge, seine Geliebte Theresa und auch sein Team machen die Bücher zu dem was sie sind.
Persönlich bin ich besonders glücklich über die neue Wendung in Alexanders und Theresas Beziehung (sofern man über so etwas glücklich sein darf) denn die „Lösung“ dieses speziellen Problems fand ich immer zu einfach – auf die neue Dynamik im nächsten Band bin ich sehr gespannt!

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